Abitur an Berufskollegs – Qualität oder Quantität?
Von Joana Horch
Zunächst soll betont werden: in (bildungs-)politischen Fragen sollte man natürlich niemals (!) von Einzelbeispielen ausgehen, die möglicherweise wohl auch noch emotional belastet sind. Eines dieser Einzelbeispiele an einem x-beliebigen Tag in einer x-beliebigen Hochschulvorlesung im Fachbereich Geschichte gab mir allerdings den Anstoß zum Nachdenken über die Funktion der Allgemeinen Hochschulreife an Berufskollegs und soll deshalb hier erwähnt werden.
An diesem Tag verwunderte mich weder der absolut überfüllte Hörsaal, noch der didaktisch fragwürdige Vortrag des Dozenten, sondern eine beiläufige Frage eines Kommilitonen, übrigens Student der Geschichtswissenschaften, der mich tatsächlich fragte, wann denn der 1. Weltkrieg stattgefunden habe, er wäre sich da nicht so sicher. Wäre es nicht so voll gewesen und würden unsere generationsgeprüften Holzstuhlreihen in den Vorlesungsräumen nicht fest verschraubt sein, wäre ich sicherlich prompt von selbigen gekippt. Nachdem der Kommilitone mein offensichtliches Erstaunen über diese Frage bemerkt hatte, grinste er und entschuldigte seine Unkenntnis gleich mehrfach: Ich erfuhr, dass er sein Abitur an einem Berufskolleg gemacht habe. Soweit so gut. Dort hätte man allerdings wegen des ganzen Berufsausbildungsaufwands natürlich keinen Wert auf solche Nebenfächer gelegt, wie es das Fach Geschichte ja ist. Zudem habe es ja sowieso keinen Geschichtsunterricht gegeben, der den 1. Weltkrieg hätte thematisieren können, sondern nur ein übergreifendes Fach namens Gesellschaftslehre und überhaupt wisse er nicht einmal, ob er sich das weitere Geschichtsstudium zutraue. Er habe damals nach dem Berufskolleg einfach keinen Job gefunden und sich deshalb für ein Hochschulstudium entschieden.
An dieser Stelle fragte ich mich, wie es heutzutage noch passieren kann, dass ein Mensch vielleicht die Fehlentscheidung seines Lebens traf, obwohl dieser eine Institution besuchte, die sich auf die Fahnen schreibt, ihre Schüler in zweierlei Hinsicht, sowohl für die Berufswelt, als auch für die Hochschule zu qualifizieren. Es liegt auf der Hand, dass beide Ziele bei meinem Kommilitonen auf Anhieb nicht funktioniert haben oder ihm zumindest immense Startschwierigkeiten in beiden Bildungsgebieten bereiteten.
Widmen wir uns aufgrund der Aktualität der Einführung eines Zentralabiturs letzterem Ziel des Berufskollegs: die Möglichkeit einer Allgemeinen Hochschulreife zu erlangen, um für das breite Studiengangangebot der Universitäten gewappnet zu sein. Genau hier setzten die JuLis NRW ihre bildungspolitische Debatte auf dem letzten Landeskongress an. Kann das System der Berufsschulen es den Gymnasien in ihrer Qualität der Oberstufenausbildung gleichtun. Fraglich ist und bleibt darüber hinaus, inwiefern andere Institutionen dem Aspekt der Allgemeinbildung und der intensiven Vorbereitung auf die Hochschule gerecht werden können. Insbesondere solche, deren Priorität die berufliche Ausbildung seiner Schülerschaft ist: das Berufskolleg.
Erstaunlich ist, dass laut dem nordrhein-westfälischen Bildungsministerium das Zentralabitur in den Bildungsgängen des Berufskollegs erst in diesem Jahr und lediglich nur in den Profil bildenden Fächern erfolgt. Erst 2010, drei Jahre nachdem das Zentralabitur in NRW längst eingeführt worden ist, werden die Abiturprüfungen an den Berufskollegs nicht mehr dezentral durchgeführt und die Grundkurse werden ebenfalls erstmals zentral geprüft. Wie gravierend sich das Berufskolleg hinsichtlich seiner allgemein bildenden Qualität gegenüber der gymnasialen Oberstufe unterscheidet offenbart sich derzeit drastisch in diesem langatmigen Prozess, die curricularen Vorgaben des Berufskollegs an den Lehrplan des Gymnasiums aufgrund des neuen Zentralabiturs und seinen Prüfungsordnungen in NRW anzupassen.
Die Absolventenzahlen haben sich am Berufskolleg laut dem Bildungsministerium NRW zwischen den Jahren 1993 und 2003 mehr als verdoppelt. Allerdings nicht wegen des herausragenden Bildungsangebot und den viel versprechenden Optionen. Es ist mittlerweile für viele Schüler, welche dem Leistungsniveau anderer Bildungsinstitutionen nicht gewachsen waren, ein Auffangbecken geworden, die dem Trend zum Erlangen des Abiturs unbedingt folgen wollen oder müssen.
Und darüber hinaus sind noch weitere Problematiken dieses Systems bekannt:
- nicht nur Qualität der Unterrichtsfächer muss unter dem Druck der Doppelqualifikation (Ausbildung und Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife) leiden, sondern auch jeder einzelne Schüler selbst
-es mangelt zu oft an nicht-berufsbezogenen Unterrichtsinhalten
- Schüler, welche ein Berufskolleg besuchen und im Gegensatz zu anderen Auszubildenden das Abitur erst im vierten Berufsschuljahr erlangen, haben verhältnismäßig schlechtere Chancen auf eine Übernahme in den Ausbildungsbetrieb.
Die Julis warnen vor einer Qualitätsminderung der Allgemeinen Hochschulreife in NRW durch Erlangen des Vollabiturs an Berufskollegs und Berufsoberschulen und fordern deshalb die Abschaffung der Möglichkeit einer Allgemeinen Hochschulreife an den Schulformen, wie Berufskolleg und Berufsoberschule, weil dieselbe Qualität wie an den nordrhein-westfälischen Gymnasien nicht gewährleistet werden kann und die Absolventen auf fachlich untypische Studiengänge in keiner Weise vorbereitet. Diese Forderung berücksichtigt aber auch den Wunsch nach einem durchlässigen Schulsystem. Das Schulsystem in NRW muss aus Sicht der Jungen Liberalen transparent gestaltet sein und möglichst jedem Schüler in seinen individuellen Bedürfnissen gerecht werden. Es liegt im Verantwortungsbereich der Berufsschulen ihre Schülerschaft in erster Linie bei der beruflichen Ausbildung zu betreuen und, da fachspezifisch orientiert, die Berufsschule solide auf ein fachliches Studium vorzubereiten. Absolventen der Berufsoberschule oder des Berufskolleg sollten jedoch nach ihrer fachlichen Spezialisierung ein Fachstudium absolvieren dürfen – für welches sie bestens an gut funktionierenden Berufskollegs vorbereitet wurden. (Quelle: www.julis-nrw.de)